Yadegar Asisi

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Leinwand aus Beton

Im Panorama DIE MAUER thematisiert Yadegar Asisi das Leben mit dem Todesstreifen. Teil davon war auch die Geburt der Berliner Streetart- und Graffitiszene. Wie eine einzigartige Mischung aus ungewissen Lebensverhältnissen, brachialer Stadtplanung und Weltpolitik eine Kunstform befeuerte, die noch heute das moderne Stadtbild prägt, erzählt dieser Blogbeitrag.

Ein Paradies für Querköpfe

Zwischen Wagenburgen, sanierungsbedürftigen Mietskasernen und dem Grenzstreifen der Berliner Mauer erblühte im Kreuzberg der frühen 80er-Jahre eine überaus lebendige Kreativszene. Das Viertel SO 36 am östlichen Rand des damaligen Westberlins war ein Tummelplatz für Andersdenkende, Querköpfe und ärmere Menschen. Studenten und Künstler lebten Seite an Seite mit Wehrdienstverweigerern und Migranten in einer Gegend, die durch ihre Randlage seit dem Mauerbau 1961 immer mehr ins Abseits geriet. Wohlhabendere zogen weg, Häuser verfielen und der hohe Leerstand sowie die niedrigen Mieten zogen immer mehr Randgruppen an und sorgten für ein buntes Gemisch an jungen, tatkräftigen und kreativen Menschen. Auch Yadegar Asisi fühlte sich von der Gegend angezogen, sie bot Freiräume künstlerischer und finanzieller Natur, die man anderswo schwer fand.

“Das war ein Outlaw-Land. Eine Ecke, wo man wirklich alternativ leben konnte. Keiner wollte ja hier hinziehen. Und es war wirklich billig.”

Die Berliner Stadtplanung verfolgt ab 1966 das Ziel, den vermeintlich aufgegebenen Stadtteil SO36 großflächig abzureißen, um Platz für eine neue Autobahntrasse zu machen. In der Bevölkerung des Kiezes gärt es da schon. Nach den Studentenprotesten 1968 beginnt man sich verstärkt gegen die geplante Kahlschlagsanierung zu wehren. Die Kreuzberger wagen den Widerstand, sie werden rebellischer und politischer. Als eine Form des Protests erfährt die Hausbesetzer-Szene schnell Zulauf. Deren Slogans und Sprüche sind bald im ganzen Viertel zu lesen. Auf Bannern in den Fenstern und improvisierten Wandmalereien wird Stellung bezogen gegen Spekulation und Kapitalismus im Westen, im Grenzbereich selbst aber auch gegen Diktatur, Mauer und DDR. Das schafft einen Nährboden, der auch den Künstlern immer mehr Freiräume in der Öffentlichkeit verschafft – Malereien und Sprüche sind schließlich allgegenwärtig. Überall kann man sich verewigen und niemanden stört es. Eine Freiheit, von der heutige Straßenkünstler nur träumen können.
Auch die Mauer selbst lädt als Symbol für Unterdrückung und überdimensionale Leinwand nahezu dazu ein, das Grau des Betons mit ein paar Pinselstrichen oder Farbklecksen zu überdecken. Doch den Grenzwall zu bemalen, ist gerade anfangs nicht ganz ungefährlich. Schließlich steht das Bauwerk selbst auf DDR-Gebiet und NVA-Grenzer können jederzeit durch Geheimtüren auftauchen und die vermeintlichen Schmierfinken festsetzen. Mit steigender Beliebtheit des Motivs Mauer realisieren die Grenztruppen jedoch, dass sie hier auf verlorenem Posten stehen und lassen die Mauermaler aus Westberlin wohl oder übel gewähren. Schließlich sind die entstandenen Werke auch ausschließlich für westliche Bürger sichtbar.

Von Kreuzberg bis zum Vatikan

In der politisch aufgeladenen Stimmung während der Reagan-Ära zu Beginn der 80er Jahre sind auch die Botschaften der stetig wachsenden Kreuzberger Künstlerschar häufig politisch. So statten auch immer mehr internationale Künstler Berlin und den Kreuzberger Kiezen einen Besuch ab, denn die alternative Lebenskultur und der Hauch von Weltpolitik und Zeitgeschichte wirken überaus anziehend.
Einer der ersten renommierten Künstler, der der geteilten Stadt seinen Stempel aufdrückt, ist Jonathan Borofsky. Der US-Amerikaner bemalt 1982 anlässlich der Zeitgeist-Ausstellung im Gropius-Bau die Mauer mit seinem Walking Man, einem Motiv das später häufig kopiert und abgewandelt wird. Die scheinbar rennende Figur soll dabei nicht nur die menschliche Bewegung repräsentieren, sondern steht ebenso für die Fluchtgedanken vieler DDR-Bürger.
Im Laufe der frühen 80er geht es dann Schlag auf Schlag, denn neben hunderten Unbekannten entdecken auch viele bekanntere Namen der Zeit das Bauwerk als Leinwand. 1984 beginnt der Wahlberliner Thierry Noir mit seinen Freunden Christophe-Emmanuel Bouchet und Kiddy Citny ganze Mauerstreifen zu bemalen. Gerade Noir und Citny werden als Mauermaler schnell bekannt für ihre jeweils eigenen mauergro en Riesenköpfe, die man heute als ikonische Motive in jedem Souvenirshop der Stadt kaufen kann. Auch Yadegar Asisi zeichnete für das Panorama DIE MAUER seine ganz eigene Variante der Riesenköpfe als Hommage an seine Künstlerkollegen.

Er selbst verewigt sich 1987 ebenfalls auf der Mauer, an einem eher ungewöhnlichen Ort in der Waldemarstraße. Dort verläuft die Mauer direkt über und unter einer kleinen Brücke über den zugeschütteten Luisenstädtischen Kanal. Asisi lässt das Mauerstück hinter einer Illusionsmalerei verschwinden und schafft damit einen imaginären Mauerdurchbruch mit einem freien Blick auf die Sankt-Michaels-Kirche im Ostteil der Stadt. Obwohl es üblich war, dass die Mauerkunstwerke ständig übermalt wurden, dauerte es eine Zeit, bis die nächsten Künstler sich trauten, die Illusion zu beseitigen.

„Das war ein bisschen wie Wilder Westen. Jeder hat gemalt, wie er wollte. Aber andere Künstler zu übermalen, kostet anfangs schon ein bisschen Überwindung.“

Die Mauer ist für alle da

 

Als die Mauer im November 1989 fällt und wenig später abgebaut wird, bleibt eines der beiden Segmente, auf denen Yadegar Asisi sein Kunstwerk gemalt hatte, erhalten. Auf einer Auktion ersteigert es ein italienischer Geschäftsmann und schenkt es dem Papst. So gelangt es im Herbst 1990 in die Vatikanischen Gärten, wo es bis heute immer noch steht. Dieses Schicksal als Monument der Erinnerung und gleichzeitig kommerzielles Kunstobjekt teilen hunderte Mauerstücke. Streetart-Bruchstücke aus Berlin werden nach und nach, insbesondere von US-Amerikanern, als Symbol für den Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus, aufgekauft und verteilen sich bald über die ganze Welt.

Und so wird auch nach 1989 im Zuge der Erinnerungskultur auf der Mauer weitergemalt. An einer Vormauer entlang der Mühlenstraße in Friedrichshain entsteht die Eastside Gallery, auf der sich 1990 Künstler aus der ganzen Welt verewigen. Mit dem spontanen, ursprünglichen Geist der Mauermaler der 80er-Jahre hat dies zwar wenig zu tun. Dennoch prägt die Open-Air-Galerie das Bild von Mauerkunst in der ganzen Welt. Wer jedoch auf der Suche nach originalen Kunstwerken aus der Zeit des Kalten Krieges ist, wird nur noch selten fündig. Der Popularität der Kunstformen Graffiti und Streetart tut dies jedoch keinen Abbruch. Berlins Ruf als Paradies für Streetart- und Graffiti-Künstler ist zunehmend gefestigt.

Neue Freiräume in den Ostbezirken der Stadt beflügeln nachkommende Generationen von Künstlern, die in die Fußstapfen der Mauermaler treten. Und so ist auch im durchkommerzialisierten Berlin des 21. Jahrhunderts Streetart und Graffiti an jeder Straßenecke zu finden – von den Tags der lokalen Kiez-Sprayer bis hin zu großen Pieces angesagter Crews und Streetart-Künstler. Der Wille sich im Stadtbild selbst zu verewigen bleibt ungebrochen.

 

Diese geschichtsträchtige Tradition der Stadt kann im asisi Panorama Berlin, wo Yadegar Asisis Panorama DIE MAUER ausgestellt wird, mit allen Sinnen nachgefühlt werden. Neben der historischen Aufarbeitung in der Begleitausstellung und den künstlerischen Referenzen im Panorama, das einen realitätsnahen Zustand der Mauermalerei der 80er-Jahre zeigt, wird man selbst Teil der Ausstellung. Wie schon Tausende Besucher zuvor hinterlässt man seine eigene Botschaft auf den eigens dafür vorgesehenen Ausstellungswänden und wird so Teil eines kollektiven, grafischen Erinnerungswerks zum Thema Freiheit.