Yadegar Asisi

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Wie die Biene ins Panorama kam

Wenn eine 12 Millimeter große Biene in einem Panorama mit einer Größe von über 20 Metern gedruckt werden soll, braucht es neben der künstlerischen Rafinesse besondere Abbildungstechniken.

Wer zum ersten Mal in die Welt der Makrofotografie eintaucht, dem eröffnet sich schnell eine atemberaubende Sicht auf Dinge, die sonst im Verborgenen bleiben. Feinste Details und kleinste Strukturen werden sichtbar, Insekten und Blüten erscheinen auf einmal riesengroß. Ein Gefühl wie auf einem anderen Planeten. Sich diesem Mikrokosmos fotografisch anzunähern, erfordert eine ganz eigene Denkweise sowie einen nicht zu unterschätzenden Blick fürs Detail. Für CAROLAS GARTEN fotografierten Yadegar Asisi und das Team unzählige Insekten, Pflanzen und Details eines typischen deutschen Kleingartens.

Während viele Motive mit klassischen Makrofotografie-Techniken in Abbildungsmaßstäben von 1:1 bis 4:1 aufgenommen wurden, erforderten andere Motive, die im späteren Panorama eine besondere Größe und Bedeutung erhalten sollten, gänzlich neue Herangehensweisen. Die größte Herausforderung dabei: Eine 12 Millimeter große Honigbiene so hochaufgelöst und durchgehend scharf zu fotografieren, dass sie im gedruckten Panorama mit einer Größe von mehr als 20 Metern den durchschnittlichen Besucher um mindestens das Zehnfache überragt. Das ergibt einen ungefähren Vergrößerungsfaktor von 1666:1. Wie das Ganze gelang? Mit unendlicher Geduld, unverzichtbarer Unterstützung durch Experten für Wissenschaftsfotografie und Biologie sowie neuesten Erkenntnissen aus der Rasterelektronenmikroskopie.

(Spoiler: Für das Projekt wurden keine lebenden Tiere beeinträchtigt, verletzt oder getötet, sondern stets nach höchsten ökologischen Standards gearbeitet.)

Der künstlerische Ansatz

Vor jedem fotografischen Teilprojekt eines asisi-Panoramas visualisiert Yadegar Asisi seine Vision mit malerischen Skizzen und Lichtstudien: “Mein eigentlicher Gedanke war es, sich vorzustellen, wie es eigentlich wäre, wenn ich mich auf eine Blüte setze und einer Biene zugucke, wie sie diese bestäubt. “

 

“Wenn du die Welt begreifen willst,
musst du erstmal die Welt
vor deinen Füßen begreifen!“

“Die Blume auf der die Biene sitzen sollte, ist ja ein zentrales panoramatisches Element und es hat lange gedauert, bis ich ihre Position und Perspektive klar hatte. Zuerst dachte ich, ich bin als Betrachter im Stempel und betrachte die Biene von unten. Nach vielen weiteren Skizzen habe ich gesehen, wie die Blume und die Biene perspektivisch positioniert werden müssen. Und dann öffnen sich daraus natürlich auch viele weitere Geschichten und man fängt an zu begreifen. Das wurde dann auch zum Motto dieses Projekts: Wenn du die Welt begreifen willst, musst erst mal die Welt vor deinen Füßen begreifen.“

 

Aller Anfang ist Vorbereitung

Ausgehend von der Skizze, die die Positionierung der Biene auf einer Kamillenblüte festlegt, machte sich das Team auf die Suche nach geeigneten Insekten und der passenden Aufnahmetechnik. Da für eine derartig überdimensionale Vergrößerung nur die Technik der Rasterelektronenmikroskopie in Frage kommt, wurde eigens hierfür der renommierte Würzburger Wissenschaftsfotograf Stefan Diller ins Team geholt. Doch bevor dieser mit den aufwendigen Aufnahmen starten konnte, musste das Motiv - also die Biene - organisiert und präpariert werden. Dafür verantwortlich: Dr. Mirko Wölfling, der auch schon bei anderen Natur-Panoramen an der wissenschaftlichen Vorbereitung als Berater und Biologe beteiligt war. In einem Prozess, der mehrere Monate dauerte, wurden verschiedene bereits tote Honigbienen, zumeist in Stadtparks, gesammelt und präpariert.

Die älteren Arbeiter- beziehungsweise Flugbienen mussten für eine lebensechte Präparation frischtot sein und durften keine Beschädigungen aufweisen. Dies ist verständlicherweise in der freien Natur selten der Fall, was die Vorbereitung um einiges aufwendiger gestaltete und das Auffinden der perfekten Biene zu einem unglaublichen Glücksfall machte. Nach diesem glücklichen Zufall wurde die Biene getrocknet, da schon der kleinste Tropfen Wasser das Präparat im Mikroskop zerstören würde. Schließlich wurde das Insekt auf einer nachgebildeten Feinschaum-Blüte mit einer Minutiennadel befestigt und in Position gebracht. Das dabei angewendete Trocknungsverfahren, die überkritische Trocknung, ein komplexes physikalisches Bedampfungsverfahren, sorgte dafür, dass die Biene in ihrem Ursprungszustand erhalten blieb und im Panorama wieder lebensecht und frisch aussieht. Die Vorbereitung für das eigentliche Shooting war somit abgeschlossen.

Elektronen statt Makro-Objektiv

Das Bildgebungsverfahren in einem Rasterelektronenmikroskop ist nicht mit einer herkömmlichen Kamera mit Makro-Objektiv vergleichbar. Beim Scan des Motivs, hier also unserer besonders präparierten Biene, wird das abzubildende Objekt in einem bestimmten Raster mit einem Elektronenstrahl beschossen. Auf einem speziell angefertigten Piezo-Tisch wird die Probe dann, annähernd vergleichbar zum klassischen Focus-Stacking, nanometergenau bewegt. Somit wird durch das Zusammenfügen unzähliger Einzelaufnahmen eine unvergleichlich hohe Schärfentiefe sowie Aufnahmen aus mehreren Perspektiven ermöglicht. Für unsere Idealbiene waren es 51 Scanfelder zu je 8000x8000 Pixel. Jedes Scanfeld besteht dabei aus bis zu 18 Stacking-Zeilen. Zudem wurden jeweils die Sicht von unten, von vorne und von oben aufgenommen. Das Endergebnis des sechsmonatigen Aufnahmeprozesses ergab dann über 6.000 Einzelbilder mit einer Größe von insgesamt ca. 900 Gigabyte und einer Gesamtauflösung von 50.000x60.000 Pixeln. Ein wahnsinniger Aufwand für ein wahnsinnig beeindruckendes Ergebnis von Stefan Diller.

Monochrom zu Farbe

Wenn man an einem Bild monatelang mit dem zuvor gezeigten Aufwand arbeitet, denkt man sich schon fast auf der Zielgeraden. Doch gerade in der Postproduktion ergeben sich dann häufig noch einmal ganz neue Herausforderungen. So auch in diesem Fall. Um die Perspektive im fertigen Panorama genau zu treffen, musste die Biene verzerrt werden, damit sie in der kreisrunden Installation wieder perspektivisch korrekt aussieht. Dafür wurde zunächst ein dreidimensionaler Platzhalter in Cinema 4D, einer 3D-Grafiksoftware für Modeling, Simulation, Animation und Rendering, gebaut, der dann später mit der finalen Biene ausgetauscht wurde.

Zudem gibt das Ergebnis der Rasterelektronenmikroskopie nicht die ursprünglichen Farben des Motivs wieder, sondern ist monochrom. So muss das Motiv Stück für Stück, also Bienenhaar für Bienenhaar in Photoshop rekoloriert und nachbelichtet werden. Eine Arbeit, für die nochmals einige Wochen ins Land gingen.

 

Schlussendlich legte Yadegar Asisi persönlich noch einmal Hand an und verpasste der Biene sein malerisches Finish. Er fügte Reflexionen von der Umgebung, Schatten, finale Perspektivanpassungen, die passende Transparenz der Flügel und die schlussendliche Farbgebung hinzu. Auch die Lichtsetzung auf dem Insekt wurde von Grund auf noch einmal neu erarbeitet.

Nach dem Druck und der Inszenierung des finalen Panoramas befindet sich nun also im Panometer Leipzig nicht nur die größte gedruckte Biene der Welt, sondern – die Kamillenblüte mitgezählt - mit einer Höhe von 32 und einer Breite von 38 Metern auch der wahrscheinlich größte Druck einer Rasterelektronenmikroskop-Aufnahme. Kein Wunder, dass man sich als Mensch ganz klein fühlt, wenn man direkt davorsteht.